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Von vielfältigem Schwarz, dem Winkel als Form und dem beredten Schweigen dunkler Bilder.

Ist Schwarz eine Farbe? Wenn man es mit dem Philosophen Ludwig Wittgenstein hält ist Schwarz nicht nur eine Farbe, sondern vielmehr viele Farben. In seinen „Bemerkungen über die Farben“ schreibt er 1977: „Könnten nicht auch glänzendes Schwarz und mattes Schwarz verschiedene Farbnamen haben?“1 Die Arbeiten von André HOOD1 Bernhard bekräftigen Wittgensteins Gedanken über die Farbe Schwarz. Sie zeichnen sich durch einen radikalen Minimalismus der Form aus, der mit der ebenso radikalen Begrenzung der Farbpalette gepaart ist. Ein ungeahnt weitgefächertes Spektrum von Schwarztönen wird in den Malereien und Reliefbildern abgebildet und reiht sich in ein äußerst junges Phänomen der Kunstgeschichte ein. Denn die Autonomie der Farbe Schwarz, ihr eigenständiges Auftreten, beginnt erst 1915 mit dem „Schwarzen Quadrat“ des russischen Konstruktivisten Kasimir Malewitsch. Bis dahin wird Schwarz – abgesehen von wenigen Ausnahmen in Bildern von Goya, Frans Hals, Rembrandt und wenigen mehr – lediglich zum Abmischen anderer Farben verwendet. So schreibt Vincent van Gogh noch 1882 in einem Brief an seinen Bruder Theo: „Über das Schwarz in der Natur sind wir, soweit ich begreife, natürlich ganz einig. Absolutes Schwarz kommt eigentlich nicht vor. Es ist jedoch in beinahe allen Farben vorhanden…“2

Schwarz ist also über die Jahrhunderte hinweg ein Nebenschauplatz. Erst das 21. Jahrhundert widmet sich seinen Qualitäten. Künstler wie Ad Reinhardt, Barnett Newman, Pierres Soulages oder Mark Rothko, um nur einige der bekanntesten Namen zu nennen, setzen sich in zahlreichen „Black Paintings“ intensiv mit der ‚Schwarzmalerei’ auseinander. Und bringen dabei Überraschendes ans Licht. Dass Schwarz keinesfalls nur dunkel ist zum Beispiel. So formuliert Pierre Soulages, der seit 1979 nur noch schwarze Bilder malt, über das Schwarz: „Die Unterschiede in der Materie, in der Textur, durch die das Licht absorbiert oder reflektiert wurde schufen Valeurs und eine besondere Farbigkeit, ein Licht und eine Räumlichkeit, die so beschaffen waren, dass sie mein Verlangen zu malen anstachelten.“3 Für den französischen Maler ist Schwarz ein Mittel um Licht zu erzeugen: Die „Abbildung eines Leuchtens durch weiße Farbe macht dem Leuchten eines echten Lichts Platz“4, das sich in der dick aufgetragenen, glänzenden schwarzen Farbe spiegelt. Dass sich darüber hinaus die traditionelle Ikonografie von Schwarz nicht in Trauer und Melancholie, Nacht und Dunkelheit erschöpft, sondern bei verändertem Blickwinkel auch fröhlich daherkommen kann, ist ebenfalls eine Entdeckung der letzten Jahrzehnte. Und eben auch, dass Schwarz nicht Schwarz ist. Dass diese Überlegungen bis heute höchst aktuell sind und in Sachen Schwarz noch jede Menge Licht ins Dunkel zu bringen ist, zeigen die jüngsten Arbeiten von André HOOD1 Bernhard.

Die Malereien in Acryl auf Leinwand und auch die Reliefs aus Acrylglas überraschen durch die Reduktion der Formen, die in der Kombination der wenigen Elemente vielfältige Kompositionen erzeugen. Aus einem absoluten Formdenken heraus und mit der Verwendung von nur drei verschiedene Winkelmaßen. Diese werden gegeneinander verschoben und überlagern sich, wodurch Raumillusionen und Durchblicke entstehen. In den Acrylglas-Reliefs ist der Raum ein realer, die Bilder auf Leinwand dagegen spielen mit dem „als ob“. Sie erzeugen Räume und Tiefe, Licht und Schatten. Und dies alles aus dem Dunkel heraus. Damit stellen sie eine Grundüberzeugung auf den Kopf: Nämlich die über Jahrhunderte hinweg gültige Annahme, dass schwarze Flächen den illusionistischen Raum aufheben würden. Erst mit der Skepsis der Künstler gegenüber der Perspektive und mit dem Aufkommen neuer Blickwinkel, konnte die schwarze Fläche ihren Siegeszug antreten.5

Die Arbeiten von André HOOD1 Bernhard sind größtenteils monochrom schwarz. Wobei monochrom hier relativ ist. Denn das Schwarz ist mal matt und mal glänzend, mal licht und mal pastos, mal gänzlich deckend und mal transparent, hier samtig und dort spiegelnd. Es legt eine Vielfalt an den Tag, die die Bilder trotz ihrer „Nichtfarbigkeit“ in ganz neuem Licht erscheinen lässt. Die dunkle Palette erfährt maximale Abweichungen ins Graue oder in Form von aus transparentem, farblosem Material. Durch diese Zurückhaltung der Farbe bezüglich ihrer Buntheit im eigentlichen Sinne, kommt der Form eine enorme Aufmerksamkeit zu.

Als zeitgenössische Spielart konstruktivistischen Denkens sind diese Formen vor allem eines nicht: Sie sind keine abstrakte Malerei. Denn Abstraktion leitete sich aus einer Abstrahierung bzw. Reduzierung der Wirklichkeit ab. Male ich ein Strichmännchen, dann ist dies eine abstrakte Wiedergabe einer wirklichen Person. Eine gelbe Farbfläche mit lila Tupfen kann eine abstrahierte Blumenwiese sein. André HOOD1 Bernhard dagegen konstruiert seine Bilder. Zwar lassen sie Assoziationen aufkommen und sind durch formale urbane Strukturen inspiriert. Betrachtet man die Flächen und die Strukturen, die durch ihre Überlagerungen entstehen, dann lassen sich möglicherweise visuelle Verbindungen zum formalen Aufbau eines Stadtplans, dem Stahl-Gerüst einer Industriehalle oder den Streben einer Stahlkonstruktion ziehen, wie sie zum Bau von Brücken verwendet werden. Wesentlicher ist jedoch, dass der Künstler nicht diese Strukturen der Wirklichkeit abstrahiert, sondern vielmehr in seinen Reliefs neue Formen erzeugt und eigene Strukturen konstruiert.

Was der Betrachter in diesen Formen sieht, das bleibt eine höchst subjektive Angelegenheit. Denn schwarze Bilder haben die Eigenheit Projektionsflächen zu sein. Da sie im eigentlichen Sinne kein Motiv zeigen, sondern die formale Komposition im Vordergrund steht, greifen die traditionelle Ikonographie und die gewohnten Sehweisen hier nicht. Der Betrachter kann sich nicht an gängigen Codierungen festhalten, sondern ist bei der Rezeption gänzlich auf die eigene Intuition angewiesen.6 Zugespitzt formuliert die Kunsthistorikerin Judith Goldmann dies in Bezug auf die Bilder des bekannten amerikanischen Malers Frank Stella, der in seinen schwarzen Bildern nicht einmal mehr die Struktur der Farbe oder den Pinselduktus stehen lässt: „Man konnte sie nicht lesen, sondern nur sehen – und das einzige, was der Betrachter sehen konnte, waren ihre flachen, unerbittlichen Oberflächen.“7 Die Struktur der Oberfläche kehrt bei André HOOD1 Bernhardt glücklicherweise ins Bild zurück und definiert es maßgeblich. Die einzelnen Ebenen des Bildes grenzen sich haptisch voneinander ab, drücken in Form einer Umrisslinie von unten in eine darüber liegende Schicht und bieten dem Auge so Strukturen, an welchen es sich festhalten kann. Was die Imagination aus den Strukturen zusammenfügt, das wird zur individuellen Angelegenheit, zum konstruktivistischen Fantasiespiel.

So wird ein nicht unbedeutender Teil der Arbeiten quasi immateriell – er findet im Kopf des Betrachters statt. Immateriell, sogar transzendent, sind jedoch auch die Arbeiten selbst. Denn Schwarz verkörpert eine unbedingte Absolutheit. Es stellt ein „nichts, das alles ist“8 dar. Will heißen: Schwarze Bilder verkörpern Schweigen. Gerade heute, wo wir von einer vielzitierten „Bilderflut“ umspült werden, stellen sie einen Gegenpol dar, der sich dadurch auszeichnet, dass er durch die tiefe Ruhe des Dunkels im ersten Moment irritiert und innehalten lässt. Durch das Schweigen des Bildes werden wir auf uns selbst zurückgeworfen und auf die kleinen Details, die das Bild nach und nach doch zum Sprechen bringen – wenn auch mit leiser Stimme. Eine Lichtreflektion, Formen die sich schwarz auf Schwarz abzeichnen, Strukturen, die sich im Material der Farbe erkennen lassen…

André HOOD1 Bernhards Abgrenzung von der systematischen Bild- und Reizüberflutung bringt nicht nur erstaunliche Werke hervor, sondern liegt paradoxerweise in seiner eigenen künstlerischen Laufbahn begründet. Der Berliner, der seit vielen Jahren in Hamburg lebt und arbeitet, bewegte sich bereits früh in der Graffiti-Szene. Mit beiden Beinen fest in der Subkultur hinterließ er eine Spur von Bildern. Gerade auch durch die zunehmende Schwemme an Tags und Graffiti und den Anspruch, vom Schriftzug zur Essenz der Dinge, zur Form vorzudringen, wurden seine Entwürfe zunehmend konzeptionell. Das konsequente Ausbrechen aus den eigenen Gewohnheiten führte den Künstler schließlich dazu, nicht länger die eigenen Bilder dem Stadtraum überzustülpen, sondern im Gegenteil, die Strukturen des urbanen Raumes zu analysieren, zu Dekonstruieren und aus der absoluten Zerlegung neue, eigene Bilder zu konstruieren. So wird bei André HOOD1 Bernhard die Form zum Inhalt und die Farbe Schwarz zum Befreiungsschlag, der die Sehgewohnheiten hinterfragt und neue Perspektiven bietet.

Anne Simone Krüger, Kunsthistorikerin

1. Ludwig Wittgenstein: Bemerkungen über die Farben. hrsg. von G.E.M. Anscombe, 1: Aufl. 1979, S.78.
2. Herman Uhde-Bernays (Hg.): Künstlerbriefe über Kunst, Dresden 1957, S.903, zitiert nach Boris von Brauchitsch: Schwarz. Dunkel gestimmt im Licht der bildenden Kunst, Hamburg 2016, S.38.
3. Charles Juliet: Gespräche mit Pierres Soulages, Tübingen 1988, S.7.
4. http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunst/pierre-soulages-schwarz-sehen-lernen-11750027-p2.html (10.8.18)
5. Vgl. Boris von Brauchitsch: Schwarz. Dunkel gestimmt im Licht der bildenden Kunst, Hamburg 2016, S.38.
6. Vgl. ebd. S.59.
7. Judith Goldmann: Frank Stella. Nochmals, aber besser, in: Frank Stella: München 1996. zitiert nach Brauchitsch 2016, S.59.
8. Brauchitsch 2016, S.11.

VITA & Expo
Auszug

2018 – Millerntor Gallery (Hamburg) – Wallpainting and abstract works as part of a groupshow.

2018 – Studio27 (Hamburg) – What is next-Strukturrealismus, abstract works as part of a groupshow.

2018 – xpon-art Gallery (Hamburg), verMESSEN, abstract works as part of a groupshow.

2017 –Urbanshit Gallery (Hamburg), Strukturbanal Soloshow, paintings and wallobjects.

2017 – xpon-art Galerie (Hamburg), xpon goes X, abstract works as part of a groupshow.

2015 – xpon-art Galerie (Hamburg), gegenSätze, abstract wallobjects as part of a groupshow.

2014 – xpon-art Galerie (Hamburg), an_Mut, abstract wallobjects as part of a groupshow.

2014 – Das Bürro (Hamburg), .abgrundtief, soloshow, abract works.

2013 – Affenfaust Galerie (Hamburg), Schilderbilder, with Hocus 77, a few Graffiti’s and some abstract paintings.

2011 – Kupferdiebe Galerie (Hamburg), Moinmoin, Icke bins, soloshow, mixed media, collages and assemblages.

Seit 1992 – my first steps into the world of graffiti, semiprofessional photography and experimenting with mixed media.

1978 – born in Göttingen, raised in Berlin